FAQ – Hintergründe



  • 1.Hintergründe
    Biologische und medizinische Hintergründe
  • Warum ist mein Kind autistisch?

    24-03-2014

    Trotz intensiver Forschung in den letzten Jahrzehnten sind die Ursachen für Autismus immer noch nicht wirklich bekannt, aber es gibt natürlich sehr viele Theorien darüber. Gerade die Tatsache, dass man den biologischen Hintergrund immer noch nicht hat aufklären können, spricht, neben der Vielfalt der Ausprägungen des Autismus, dafür, dass es nicht die eine Ursache gibt. Kein Autist gleicht dem anderen! Eines ist immerhin klar: Sie als Eltern sind nicht „schuld“! 

     

    Wenn man die Mehrheit der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zugrunde legt, erscheint es fast sicher, dass Autismus in allen seinen Formen eine genetische Basis hat, dass ein Mensch also eine bestimmte erbliche Veranlagung haben muss, um eventuell autistisch zu werden.  Es ist aber nicht so, dass eine ganz bestimmte genetische Veränderung, etwa eine Mutation, bei allen autistischen Menschen nachweisbar wäre. Offenbar müssen verschiedene spezifische Modifikationen zusammen wirken, die wahrscheinlich auch an verschiedenen Stellen der Erbinformation lokalisiert sind, etwa auf verschiedenen Chromosomen. Diese  „autistische Veranlagung“ kann, muss sich aber nicht in irgendeiner Form von Autismus manifestieren. Damit das passiert, müssen wahrscheinlich noch zusätzliche (externe) Faktoren einwirken, wobei die Zeit der Schwangerschaft einen besonders empfindlichen Zeitraum darstellen dürfte. Welche Faktoren das sind, ist nicht bekannt. Diskutiert werden u.a. hormonelle Einflüsse, Toxine oder Stress. Mit Sicherheit wird es nicht nur  d e n  einen externen Faktor geben, sondern verschiedene Einflüsse können, einzeln oder in Kombination, dazu führen, dass und in welchem Maße sich die autistische Veranlagung ausprägt. Wenn jemand keine erbliche Veranlagung hat, können sie oder ihn solche Einflüsse auch nicht autistisch „machen“.   

     

    Häufig werden Mütter autistischer Kinder nach Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen befragt. Diese könnten von Bedeutung sein, ebenso aber auch auftreten, weil das Kind autistisch ist und die Interaktion mit der Mutter schon zu diesem Zeitpunkt gestört ist. 

     

    Autismus bedeutet eine mehr oder minder stark abweichende Funktionsweise des Nervensystems. Bisher hat man aber noch nicht herausgefunden, was tatsächlich „anders“ ist, denn es gibt keine anatomischen, neurologischen oder biochemischen Parameter, die bei allen autistischen Menschen in bestimmter Weise verändert wären. Eventuell sind solche Veränderungen individuell sehr verschieden – oder sie sind eben noch nicht aufgefallen. Da das Auftreten bestimmter unerwünschter Symptome bei vielen autistischen Menschen durch die Gabe von Medikamenten („Antipsychotika“/Neuroleptika) vermindert werden kann, die in das Neurotransmittersystem (Neurotransmitter sind Botenstoffe im Gehirn) eingreifen, liegt die Vermutung nahe, dass dieses System bei Autisten „in Unordnung“ geraten ist.

  • Wann und wie manifestieren sich autistische Störungen?

    24-03-2014

    Der sogenannte „frühkindliche Autismus“ wird zumeist im Alter von 2 bis 3 Jahren auffällig, leider aber häufig dann noch nicht diagnostiziert. Zumindest merken viele Eltern in diesem Alter, dass ein ernsteres Problem vorliegt als eine „Entwicklungsverzögerung“, etwa der Sprache. Bestimmte Anzeichen treten wahrscheinlich schon vorher auf, aber es ist sehr schwierig, sie richtig zu interpretieren. (Hinterher ist man immer schlauer.) Manche, aber längst nicht alle, „frühkindlichen Autisten“ sind schon als Säuglinge auffällig, etwa als „Schreikinder“ oder sind – im Gegenteil – besonders ruhig, andere stellen keinen Blickkontakt her. 

     

    Ein Asperger-Syndrom manifestiert sich häufig erst in der Schulzeit und überwiegend in Form von sozialen und Anpassungsproblemen, manchmal auch durch eine besondere Art des Lernens. Ihn vorher zu erkennen, ist fast unmöglich, und auch der Weg zur Diagnose ist länger, da die Abgrenzung, etwa zu ADHS, schwierig ist. Es gibt hochintelligente Menschen mit Asperger-Syndrom, die erst im Erwachsenenalter, manchmal auch selber, erkannt haben, dass sie davon betroffen sind.

  • Nimmt die Zahl autistischer Menschen zu und, wenn ja, warum?

    24-03-2014

    Das wird oft behauptet, aber man muss auch berücksichtigen, dass sich die diagnostischen Kriterien verändert haben und autistische Störungen heute eine viel größere Aufmerksamkeit erfahren als früher. Also: wir wissen es nicht. Wie aber wäre eine vermehrte Fallzahl zu erklären?

     

    Da sich genetische Veränderungen, die zu einer Veranlagung für Autismus führen, nicht so rasch verbreiten können um die behauptete Zunahme der Fälle zu erklären, bleiben drei Möglichkeiten übrig:

     

    - Die Zahl autistischer Menschen nimmt tatsächlich zu, weil ein „externer Faktor“ häufiger auftritt, der zur Ausprägung der ererbten Veranlagung führt, etwa ein Toxin aus der Umwelt. Aber welcher sollte das sein? Es gibt Hypothesen, aber keinen Beweis. Natürlich muss weiter geforscht werden…

     

    - Erst jetzt wird die tatsächliche Häufigkeit von Autismus deutlich. Es gibt gar keine tatsächliche Zunahme, sondern früher wurden viele Menschen mit Autismus als „geistig behindert“, mit verschiedenen anderen psychiatrischen Erkrankungen oder mit ADHS diagnostiziert, aber die Diagnosen waren falsch.

     

    - Viele Menschen, die heute als „autistisch“ diagnostiziert werden, sind es gar nicht, sondern haben andere Erkrankungen oder Behinderungen. Auch Diagnosen können „Moden“ unterworfen sein.

     

    Bei Angaben zur Häufigkeit von Autismus und ihrer Zunahme in verschiedenen Ländern wird häufig nicht zwischen den verschiedenen Formen unterschieden. Nach unseren Erfahrungen aus dem Berliner Raum nimmt die Zahl frühkindlicher Autisten nicht zu, wohl aber die der Menschen mit einer Diagnose „Asperger-Syndrom“. Das würde eher für die zweite oder dritte Möglichkeit sprechen.

  • Welches Risiko besteht für Geschwisterkinder und deren Kinder?

    24-03-2014

    Während bei eineiigen Zwillingen das Risiko sehr hoch ist, dass auch der andere autistisch sein wird, wenn einer betroffen ist, liegt das Risiko für zweieiige Zwillinge ähnlich niedrig wie für sonstige Geschwister autistischer Kinder. Höher als in Familien ohne Fälle von Autismus, aber nicht dramatisch hoch. Über Neffen und Nichten sind uns keine Daten bekannt. Es gibt natürlich eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die genetische Anlage weitergetragen wird. Wie unter „Warum ist mein Kind autistisch?“ beschrieben, muss sie sich aber nicht ausprägen. Vielleicht sollten Sie bei der Familienplanung eine humangenetische Beratungsstelle konsultieren…

  • Warum gibt es mehr autistische Jungen und Männer als Mädchen und Frauen?

    24-03-2014

    Das männliche Geschlecht ist drei- bis fünfmal häufiger von Autismus betroffen als das weibliche. Eine wahrscheinliche Erklärung besteht darin, dass zu den für Autismus erforderlichen genetischen Veränderungen solche auf dem X-Chromosom gehören. Das Mädchen hat in all seinen Körperzellen davon zwei, von der Mutter und vom Vater. Es wird aber nur eines jeweils aktiv, entweder das von der Mutter oder das vom Vater. Wenn eines der beiden X-Chromosomen Merkmale trägt, die zu Autismus führen können, hängt es davon ab, ob dieses oder das „gesunde“ X-Chromosom beispielsweise in der Gehirnentwicklung überwiegt. Darum sind Mädchen und Frauen seltener und wenn, dann oft nur in milderer Form betroffen. Sie können aber die Anlage weitergeben; das hängt davon ab, welches X-Chromosom sich in der reifen Eizelle befindet (dort gibt es nur noch eines).

    Weitere Informationen finden Sie hier:
    Geschlechterverhältnis_Autismus

  • Können Medikamente bei Autismus helfen?

    24-03-2014

    Autismus ist nach bisherigem Wissensstand nicht „heilbar“. Die medizinischen Einflussmöglichkeiten sind beschränkt. Medikamente können aber helfen, bestimmte Symptome, etwa Aggressionen oder selbstverletzendes Verhalten oder ausgeprägte Erregungszustände zu mildern oder gar zu verhindern. Die Auswahl des richtigen Medikamentes und die Dosierung sind häufig schwierig. Nicht selten treten auch paradoxe Arzneimittelwirkungen auf, dass z.B. Schlafmittel eher zu Unruhe und Erregung führen. Ganz kompliziert wird es, wenn wegen einer Begleiterkrankung, etwa Epilepsie, weitere Medikamente erforderlich sind. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt wird normalerweise alles tun um unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden, aber fragen Sie ruhig immer wieder nach!

  • Soll ich mein Kind impfen lassen?

    24-03-2014

    Ja. Impfungen verhindern Infektionskrankheiten, die schwer verlaufen und autistische Kinder noch zusätzlich schädigen können.

     

    Es wird immer wieder behauptet, dass Autismus durch Impfungen verursacht würde.

     

    Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist diese Behauptung falsch. Es sind allerdings einige (wenige) Fälle berichtet worden, wonach die ersten Anzeichen für Autismus sich bei kleinen Kindern kurz nach einer Impfung manifestiert hätten. Das kann Zufall sein, könnte aber auch mit einer starken körperlichen Reaktion auf die Impfung zusammenhängen. Zumindest scheint das nicht ausgeschlossen. Allerdings hätte sich der Autismus dann mit Sicherheit eben nach einem anderen Auslöser gezeigt, nur vielleicht etwas später (s. FAQ zu Ursachen!). 

     

    Als Beleg für einen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen werden im Wesentlichen zwei Argumentationslinien verfolgt.

     

    Zum einen hat 1998 der englische Arzt Andrew Wakefield in einem Artikel in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift “Lancet“ behauptet, es gäbe einen Zusammenhang speziell zwischen der „Dreifachimpfung“ gegen Masern, Mumps (Ziegenpeter) und Röteln (MMR), Darmerkrankungen bei Kindern und Autismus. Diese Arbeit hat großes Aufsehen erregt und war vermutlich mit dafür verantwortlich, dass die Impfraten zumindest in den USA und Großbritannien in den folgenden Jahren absanken, während die Erkrankungen an Masern und Mumps zunahmen. Später wurden die Ergebnisse und Schlussfolgerungen von Wakefield widerlegt, u.a. durch breit angelegte epidemiologische Studien in Dänemark, die keinerlei Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung oder anderen Impfungen und Autismus nachweisen konnten. Nachdem sich noch überdies herausstellte, dass die Daten in der Originalpublikation teilweise gefälscht waren und die Untersuchungen an Kindern keine ausreichende ethische Prüfung durchlaufen hatten, haben sich die meisten Co-Autoren von Wakefield distanziert. Die Arbeit wurde von der Zeitschrift wegen schweren wissenschaftlichen Fehlverhaltens des Erstautors zurückgezogen und Wakefield selber verlor seine Erlaubnis, in Großbritannien zu praktizieren. Das war einer der größten und folgenschwersten Skandale in der Wissenschaft in den letzten Jahren. Wakefield tritt aber immer noch öffentlich auf und verbreitet weiterhin seine Thesen.

     

    Zum anderen wird schon seit langem über einen Zusammenhang zwischen Autismus und einer Quecksilberbelastung spekuliert. Grund zur Besorgnis wird darin gesehen, dass ziemlich viele Impfstoffe in der Vergangenheit und manche wohl auch noch heute mit einer quecksilberhaltigen Verbindung (Thiomersal) konserviert wurden oder werden. Es gibt eine Kalkulation aus den USA, wonach die Aufnahme von Quecksilber durch ein Kind, dass alle dort empfohlenen Impfungen erhalten hätte, zu einer Überschreitung des von der US-Umweltbehörde festgelegten Grenzwertes für Quecksilber führen könnte, wenn in alle diesen Impfstoffen Thiomersal enthalten wäre. Dabei wird aber u.a. vernachlässigt, dass es sich hierbei um Ethylquecksilber handelt, dass weniger neurotoxisch ist als Methylquecksilber. Der Thematik ist intensiv nachgegangen worden, in Deutschland vor allem vom staatlichen Paul-Ehrlich-Institut, und man hat keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit Autismus gefunden.

  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Schilddrüsenunterfunktion der Mutter in der Schwangerschaft und Autismus?

    21-02-2016

    Eine neuere Untersuchung zeigt, dass es einen direkten Zusammenhang einer Schilddrüsenunterfunktion der Mutter in der Schwangerschaft mit dem Auftreten von Autismus geben könnte. Hier können Sie sich darüber genauer informieren:
    Wissenschaft_Schilddrüse und Autismus